Nicht lesbisch genug

Wo fang ich überhaupt an mit dieser Geschichte? Vielleicht hiermit:

[‘Flüchtlinge’ sind Menschen, die] aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will, oder die sich als Staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will. (Genfer Flüchtlingskonvention, 28. Juli 1951)

Zweiter möglicher Ansatzpunkt für diesen Post ist die folgende Grafik von 76crimes.com:

https://76crimes.files.wordpress.com/2015/02/world-map-640p-2-2015-of-78-countries.jpg

Hübsch in Rot sind die Staaten, in denen es Gesetze gegen homosexuelle, bisexuelle, und Trans-Menschen (LGBT*) gibt, die von Gefängnisstrafen bis zur Todesstrafe reichen.

Vergangenen Samstag war ich auf einer kleinen aber feinen Demo vor dem Gerichtsgebäude des Home Office hier in der Stadt, in dem Asylanträge verhandelt werden. Es war eine Soli-Demo, organisiert von den tollen Menschen von No Borders, für LGBT*-Asylsuchende hier im UK. Die ‘Flüchtlings’konvention bezieht sich ja neben ‘Rasse’ und Religion auch speziell auf die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, was im Sinne der LGBT* ausgelegt werden kann und auch teilweise wird. Bei der Prüfung des Asylantrags wird dann versucht herauszufinden, ob eine Verfolgung im Herkunftsland aufgrund der sexuellen Orientierung oder Genderidentität vorliegt. (Ja, wichtiger Unterschied! Sexuelle Orientierung = mit wem gehe ich ins Bett; Genderidentität = als wer gehe ich ins Bett)

Ein aktueller Fall hier im UK hat — zurecht — zu großer Aufregung geführt. Aderonke Apata floh aus Nigeria (eines der besagten 78 Länder), nachdem ihre Partnerin und eines ihrer Kinder getötet wurden.Aderonke selbst wurde verhaftet, konnte sich durch Schmiergeld freikaufen und hat es mit ihrem zweiten Kind nach Großbritannien  geschafft.

http://www.independent.co.uk/news/uk/home-news/aderonke-apata-deportation-case-if-the-home-office-doesnt-believe-im-gay-ill-send-them-a-video-that-proves-it-9509738.html
http://ow.ly/K4Gjz (independent.co.uk)

Aderonke sitzt zur Zeit in Yarl’s Wood ein, einem britischen Abschiebegefängnis in einem Industriegebiet in Bedford zwischen Northampton und Cambridge. Ihr Asylantrag wurde am Dienstag vom High Court geprüft und zunächst abgelehnt. Die Begründung hat — nicht nur — mir die Schuhe ausgezogen. Nachdem  Aderonke sehr persönliche Fragen zu ihrer sexuellen Geschichte und Beziehungen beantworten musste, wurde festgestellt, dass sie — Achtung, schon mal die Fackeln und Mistgabeln bereit machen! — nicht lesbisch sein kann, da sie Kinder hat, die — welch Überraschung — aus einer heterosexuellen Beziehung stammen!!1! Ja, vielleicht nochmal lesen, ich konnte es auch nicht glauben beim ersten Mal. Es ist mir schier unmöglich, den Mangel an geistiger Flexibilität und Empathievermögen zu beschreiben, der notwendig ist, um nicht anzuerkennen, dass es für eine lesbische Frau unter Umständen schlicht ‘einfacher’ oder eben auch sicherer sein kann, in einer heterosexuellen Beziehung zu leben. Das gilt ja schon für Länder, in denen kein Justizsystem die eigene sexuelle Orientierung offen verfolgt. Dass eine Frau, die in einem Land lebt, in dem nicht nur eine strafrechtliche Verfolgung sondern auch religiös-unterfütterte soziale Ächtung droht, eine Beziehung mit einem Mann eingeht, ist leider erstens nicht selten und zweitens auch teilweise überlebensnotwendig. Vielleicht, das kann ich nicht sagen, ist auch Aderonke ein religiöser Mensch und es fiel ihr schwer, vor dem eigenen Spiegebild zu ihrer Sexualität zu stehen. Oder sie sah in der Vergangenheit ihre Sexualität nicht so schwarz und weiß. Oder, oder, oder…

Der Richter wird seine endgültige Entscheidung bevor dem Ende des Monats bekannt geben. Bis dahin bleibt Aderonke in Yarl’s Wood, wo sie trotz aller Diskriminierung von Schließer*innen und den miteinsitzenden Frauen*, eine neue Beziehung eingegangen ist.

Zum vorrübergehenden Abschluss kann ich nur sagen, dass es vielsagend ist, wenn selbst ein politisch eher…flexibles…Blatt wie der Mirror mit einem stark sarkastischen Unterton einen Test veröffentlicht, in dem mensch testen kann, ob er*/sie* ‘homosexuell genug’ für das Home Office ist.

 

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