Noch so’n Post über Belästigung in der Öffentlichkeit

TW: sexuelle Belästigung


I get it. I know that you’re tired of hearing rape poems. I am tired of hearing rape poems. The same way soldiers are tired of hearing their own guns go off. We all wish the war was over.”

Auf dem Weg zurück vom Klettern heute Mittag, die Muskeln müde und glücklich, in Gedanken dabei mir zu überlegen, ob ich erst was essen will oder erst duschen. Ich checke Twitter im Bus. Mal sehen, was so passiert ist. Passiert ist alles mögliche. Verlorengegangene Katzen und Bilder von riesigen Keksen fliegen auf meiner Timeline vorbei. Mein Blick bleibt hängen an einem Tweet. Sie schreibt von Menschenwürde und flucht aus tiefster Seele. #streetharrassment. Ich denke an die zig Tweets, die ich dazu schon hätte schreiben sollen, müssen, können.

Über die beiden Besoffenen in der S-Bahn um Weihnachten rum nachts um 12, die Buch, Kopfhörer und Ignoriertwerden offenbar als Einladung missinterpretiert haben, sich mit mir zu unterhalten und mich dumm anzumachen, als ich nicht wollte. Über gleich zwei verschiedene Autos, die mich abends im November letzten Jahres, als ich auf dem Weg zu nem Club war, angehupt haben. Darüber, dass der Fahrer des zweiten Wagens sich dann noch hat dazu hinreißen lassen, mir durchs Fenster sehr eindeutige Angebote zu machen und mich als Schlampe zu bezeichnen, als ich ihn ignoriert habe. Darüber, dass ich umgedreht und nach Hause gegangen bin, weil mir die Lust auf weggehen vergangen war. Über den ungefähr 12jährigen, der sich vergangenen Sonntag aus dem vorbeifahrenden Bus gelehnt hat und mir “Hey sexy” zugerufen hat. Der Gatte stand neben mir, sichtbar verwirrt, als ich ihn darauf hingewiesen habe. Er hatte es nicht mitbekommen. Darüber, dass ich mich kurz gefragt habe, ob ich halluziniere.

Vor allem, und jedes Mal, über die perfiden Mechanismen, die am Werk sind in diesen Situationen. Bahnfahrt im Januar, Manchester nach Leeds, nur eine Stunde. Ich bin auf dem Rückweg von einer Konferenz, müde, verkatert, intellektuell und emotional ausgebrannt. Im Viererabteil mit mir sitzt eine ungefähr 15jährige Frau, Kopfhörer auf, Blick der Endlosigkeit der Zugfensterreflektionen zugewandt. Im Viererabteil auf der anderen Seite des Ganges eine Anfang 20erin, lange, blondierte Haare, geschminkt, schlank, das, was landläufig als hübsch bezeichnet wird. An der nächsten Station kommt eine Gruppe Herren auf dem Weg zum Junggesellenabschied hinzu, blockieren den Gang, setzen sich auf die leeren Sitze. Mein Puls geht schon hoch, ich lerne ja. Ich rede mir gut zu. Komm schon, sie sind schon leicht alkoholisiert, laut, aber noch erträglich. Einer fängt an laut zu lachen und seinen Kumpel als schwul zu beschimpfen. Meine Hände zittern, aber ich schaue ihn nur genervt an. Er sieht meinen Blick. Sie beginnen auf das blonde Mädel einzuquatschen, die eingekeilt da sitzt und beschwichtigend lächelt. Unsere Blicke treffen sich, als ich schaue, ob sie in Ordnung ist. Sie ist peinlich berührt, lächelt aber weiter. Es ist sicherer, denke ich mir, sie spielt mit, gibt keine Widerworte. Dann ist die Dame mit den Kopfhörern dran. Der Typ neben ihr will ihre Aufmerksamkeit. Sie ignoriert ihn, er wird zudringlicher, will wissen, was sie hört, wohin sie fährt. Sie starrt. Nicht einlassen, nicht beachten, nicht bewegen. Man kann mir mein Missfallen wohl im Gesicht ablesen. Einer der Typen beugt sich zu mir und fragt ob was ist, ob ich was zu sagen habe. Der vorher noch eher joviale Ton wird mit einem Mal härter, aggressiver. Ich sitze auch eingesperrt zwischen Fenster und zwei Männern. Ich habe schon sehr viel nicht gesagt, antworte ich ihm. Jetzt bin ich fällig, ich weiß es. Der Junggeselle, der das Verhalten seiner Freunde fast ebenso peinlich findet wie die blonde Frau auf der anderen Seite des Ganges, versucht zu beschwichtigen, lässt sich dann aber mitreißen. Er kann da auch nicht raus. Ob ich sein Nippelpiercing sehen will, fragt er. Nein. NEIN! Den Rest der Fahrt bekomme ich dann nur noch durch den roten Schleier in meinem Kopf mit. Du magst doch Piercings, sagt einer und deutet auf die beiden in meinem Gesicht. Stell dich nicht so an! Mach dich locker! Ist doch nur Spaß! Sie beziehen wieder die blonde Frau mit ein, wollen sie zur Komplizin machen. Kudos an sie, denn sie lächelt nur weiter, nickt aber wenigstens nicht.

Wir kommen in Leeds an. Sie steigen aus aber nicht bevor einer der Kerle sich nochmal halb über mich drüber gelegt hat ohne ersichtlichen Grund. Ich steige aus, halte Abstand. Da ist ein Cop. Kurz überlege ich, sie anzuzeigen. Aber dann entscheide ich mich dagegen. Weil ich Angst habe. Weil ich gleich anfange zu heulen aus Hilflosigkeit, aus Scham, aus Ekel. Weil ich nicht will, dass der Cop sagt, es sei nur Spaß gewesen. Weil ich nach Hause will.

Meine Hände zittern noch, als ich zuhause ankomme. Der Gatte kriegt alles ab. Ich bin endlich sauer und laufe im Zimmer auf und ab während ich rante: Ich wäre sicherer gewesen, wenn ich mitgemacht hätte, sage ich ihm, wenn ich still gewesen wäre, wenn ich es hätte über mich ergehen lassen, wenn ich mich zur Komplizin ihrer Übergriffigkeit gemacht hätte. Er ist für mich mit wütend. Er kocht mir Essen. Ich streichle den Hund und beruhige mich nach einer halben Stunde. Später sitze ich am Schreibtisch und frage mich, was ich falsch gemacht habe. Ich wollte nur da sitzen und aus dem Fenster starren so wie sie es gekonnt hätten in meiner Situation. Stattdessen wurde mir schmerzhaft und gewaltsam klar gemacht, dass meine Aufmerksamkeit, mein Raum, mein Körper öffentliches Gut sind und zur freien Verfügung stehen. Also, ja, noch so ein Post. Noch so ein Gedicht. Und der Typ, der sich der Dynamik seiner Kumpels gebeugt hat, der mich erst entschuldigend angeschaut hat, um mich dann zu fragen, ob er sich vor mir ausziehen soll? We all wish the war was over.

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