Intimpiercings und FGM

TW/content warning: FGM, sexuelle Gewalt


Ich erfreue mich, seit ich im UK wohne, an den Diensten des National Health Service (NHS). Jede*r kann in eine Arztpraxis oder die Notaufnahme des Krankenhauses gehen und wird behandelt. Die Kosten werden auf die Allgemeinheit umgelegt. Weitestgehend also ein Meisterstück an Sozialstaat und meist trotz etwaiger Wartezeiten und mangelnder zahnmedizinischer Betreuung ein Grund zur Freude. Letztens ist mir allerdings das Frühstück im Hals stecken geblieben, als ich von einer neuen Regelung für den NHS gehört habe. Wie der Independent meldet, müssen Intimpiercings bei Frauen* nun registriert und bei Gesundheitsministerium gemeldet werden. Das Ganze steht im Zusammenhang mit einer erhöhten Aufmerksamkeit des Ministeriums und des NHS gegenueber dem Thema female genital mutilation (FGM), der Verstümmelung weiblicher* Geschlechtsorgane. Intimpiercings werden demnach als FGM betrachtet und müssen entsprechend aufgenommen und gemeldet werden. Eine verstärkte Verfolgung fuer FGM mit irgendwas zwischen 20,000 und 65,000 gefährdeten Frauen* im Jahr im UK ist eine wunderbare Sache und sehr löblich. Es ist allerdings mehr als ein wenig bizarr und auch schlicht respektlos, Intimpiercings, die konsensfähige, erwachsene Frauen, idealerweise unter professionellen, hygienischen Bedingungen, freiwillig haben stechen lassen auf dieselbe Stufe wie die gewaltsame, traumatisierende, objektifizierende Verstümmelung der Geschlechtsorgane oft minderjähriger Maedchen* zu stellen. Meine, und nicht nur meine, Kritik entfaltet sich entlang von zwei Linien.

Die erste betrifft die mit dieser Gleichstellung einhergehende Verharmlosung von “tatsaechlichem” FGM.

Die zweite, und diese (be-)trifft mich persönlich besonders ist die Tatsache, dass diese Regelung mehr als implizit erwachsenen, konsensfähigen Frauen* die autonome Verfügungsgewalt über ihre Körper abgesprochen wird. Diese Regelung kommt knapp ein halbes Jahr nach den nachgezogenen Pornographiegesetzen im UK, die die Produktion von BDSM-Pornographie drastisch behindert und nicht zu Unrecht zu Ungunsten von weiblicher Sexulität ausgelegt wurde. Diese NHS-Regelung schmeckt nach einem weiteren Schritt der Infantilisierung erwachsener Frauen. Ein wenig Nähkästchengeplauder scheint hier von Nöten: Ich habe vor ein paar Tagen mal nachgezählt und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass ich zu meinen Hochzeiten irgendwas zwischen 18 und 20 Piercings an den diversesten Stellen meines Körpers hatte, auch unterhalb der Gürtellinie. Seit ein paar Tagen habe ich 7 Tattoos. Jede einzelne Piercingnadel oder tattoo gun, die jemals meinen Körper berührt hat, konnte das nur tun, weil ich vorher mit einem anderen Menschen einen mündlichen oder schriftlichen Vertrag abgeschlossen habe, der den folgenden “Eingriff” regelt. Fast immer fand das Ganze in einem professionellen Studio statt, gegen Geld, durchgeführt von einer Person, die einen gewissen Grad an Erfahrung hat. Und die Entscheidung, diese “Eingriffe” vornehmen zu lassen, habe ich, wenn auch nicht immer lange im Voraus geplant, so doch jedes einzelne Mal bewusst getroffen in dem Wissen, dass ich mich im Prinzip jederzeit umentscheiden kann. Die Gründe, die diversen body mods “durchführen” zu lassen, sind so unterschiedlich wie die mods selbst. Ich hatte surface piercings, skin divers, ganz gewöhnliche Stecker, Ringe, reine b/w Tattoos, eins mit Schattierung, welche die in Freude gestochen wurde, manche, die einen Moment, einen Tag festhielten, welche die einem Anflug von “zuviel Geld!” geschuldet sind, welche, die “nur” Schmuck sind, und welche, die gegen die Taubheit meiner Sinne und meiner Seele angetreten sind. Sie haben alle eins gemeinsam: Alle sind Ausdruck und Resultat meiner Autonomie, meiner Verfügungsgewalt, meiner Hoheit darüber, was mit meinem Körper geschieht und was nicht. Sie sind Ausdruck und Resultat von Arbeit, von den sprichwörtlichen Blut, Schweiß und Tränen, von Traumabewältigung, von Gewinn, und von Liebe. Und all das lässt sich nicht wegreden mit einer Verordnung, die bestenfalls noch aus falschverstandenem Schutzbedürfnis denen gegenüber erlassen wurden, denen sie am Ende wahrscheinlich genau nichts bringt.

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